Laternen werden ausgetreten, Telefonzellen werden kaputtgeschlagen, Scheiben werden eingeworfen, Autos werden demoliert, Wände werden besprüht, Flaschen werden zertrümmert und – natürlich – liegengelassen, Passanten werden angepöbelt, teilweise sogar zusammengeschlagen (und anschließend noch zusammengetreten, um auch auf Nummer sicher zu gehen)… usw., etc. and so on.
Besonders das Austreten von Laternen und das Zerschmeißen von Flaschen kann ich beinahe jedes Wochenende live von meinem Fenster aus beobachten: Ein paar Jugendliche gehen die Straße entlang, bölken rum, lachen, saufen und treten, als wäre es das Normalste der Welt, die Laterne vor dem Haus gegenüber aus. Vor kurzem wurde die Straße saniert. Überall standen Absperrpfeiler und Bauarbeitszeug wie Eimer, Schubkarren und anderes Werkzeug umher. Natürlich wurden die Pfeiler umgeschmissen, die Eimer ausgekippt, die Blinklichter, die oben an den Pfeilern angebracht waren wurden komplett abgeschlagen und mitgenommen und die Schubkarren wurden ans andere Ende der Baustelle gefahren, nur um sie dort ebenfalls umzukippen.
Wenn so etwas einmal vorkommt, kann man das vielleicht mit “Ach naja, die waren eben grade etwas übermütig. Vermutlich haben die Ferien angefangen, jemand hatte Geburtstag, sie haben irgendeine Prüfung bestanden oder sonstwas. Da kann man schonmal etwas über die Stränge schlagen” begründen und mit viel, viel Gutmütigkeit vielleicht sogar darüber hinwegsehen. Jedoch sind das, wie gesagt, längst keine einmaligen Vorfälle mehr.
Und eben diese Häufigkeit, mit der derartige Taten begangen werden, ist es, die mir Bände sagt über diejenigen, von denen sie ausgehen. Ich kann nur schwer nachvollziehen, wie leer, kaputt und gestört man sein muss, um einen derart starken und zudem auch noch unbewussten Drang nach Zerstörung zu haben. Das klingt jetzt erstmal sehr dramatisch, ist jedoch – leider – nichts als die Wahrheit.
Denn keiner von denen tritt eine Laterne aus und denkt dabei bewusst “Yeah, ich tret jetzt diese Laterne aus, hehe.”, nein. Diese Vorgänge sind längst zu einem vollkommen unbewusstem Automatismus ausgewachsen – die Betonung liegt auf “unbewusst”, denn das ist es, was die Sache umso schlimmer macht. Die Laterne wird ausgetreten, weil das jetzt grade einfach so sein muss. Aus der verdrehten, kaputten und verachtenswerten Sicht eben jener Individuen ist es in genau diesem Moment einfach das Richtige, diese Laterne auszulöschen. Daher wird das mittlerweile auch gar nicht weiter kommentiert oder beachtet. Das hat auch nichts mehr mit Angeben oder Sich-beweisen zu tun. – Es wäre schön, wenn es so wäre, denn dann wäre es nicht so unglaublich traurig und kein so unverkennbares Armutszeugnis.
Diese Menschen (wenn man sie denn so nennen mag – unter der Berücksichtigung der Tatsache, was einen Menschen eigentlich ausmacht (So viel kann ich verraten: Es sollte mehr sein, als zwei Beine, zwei Füße, zwei Arme und zwei Hände)) sind mit sich, ihrem Leben, ihrem Selbst und ihrer Umwelt so ungemein unzufrieden und so dermaßen nicht dazu in der Lage, was an der jeweiligen Situation, bzw. Problematik zu ändern, dass in ihnen pure Aggression entsteht. Ob die Zerstörung, die sie verbreiten, lediglich als Ventil dient, um an dieser negativen Energie nicht zu zerbersten (schade eigentlich) oder ob sie damit vielleicht sogar indirekt versuchen, ihre Umgebung und somit potenziell glücklichere Menschen aus Neid ebenfalls runterzuziehen ist die andere Frage.
Das ist aber im Endeffekt auch unwichtig, da “der Grund” (ein lächerliches Wort in diesem Kontext) ohnehin keinerlei Einfluss auf die Auswirkung, nämlich Zerstörung, hat. Was ich mich ernsthaft frage ist, was die Ursache einer derartigen Fehlentwicklung ist? Ist das die neue Richtung, in die der Mensch als Spezies sich entwickelt? Hat die Evolution damit unsere Selbstzerstörung eingeleitet? Dass der Mensch das brutalste aller Tiere ist, ist ja längst kein Geheimnis mehr, aber in derartigen, offensichtlich immer größeren und häufigeren, Ausmaßen?
Ich will jetzt nichts hören, was in Richtung “Ja, die armen Jugendlichen haben ja heute keine Perspektiven mehr und sind überfordert. Kein Wunder dass da destruktive Strömungen entstehen” oder “Das ist doch nichts weiter als ein Hilfeschrei!” geht. Ich kann es nicht mehr hören. Ich halte es nicht mehr aus, dass man sich nach wie vor weigert, diese Penner als das anzuerkennen, was sie sind: nichts weiter als asozialer Abschaum. Dass sowas noch in Schutz genommen wird, könnte fast lächerlich sein, wenn es nicht so traurig wäre. (Ist, nebenbei bemerkt, übrigens auch eine Form von Beschönigung und Ignoranz.)
Natürlich darf man nicht verallgemeinern, aber mal im Ernst: Mir kann niemand, nie-mand, erzählen, dass jedes einzelne dieser Viecher eine so schwere Kindheit gehabt und/oder eine derart aussichtslose Zukunft hat, dass es nicht anders geht, als aus Verzweiflung die Gegenwart mit so unangebrachter und inbrünstiger Wut zu verpesten.
Kann sein, dass ich mich jetzt (selbst für meine Verhältnisse) etwas weit aus dem Fenster lehne, aber: Für mich ist derartiges Verhalten eine Art Symptom für Lebensunfähigkeit. Ich meine, wer auf Probleme oder Konflikte mit einer derart überzeichneten und vor allem auch dauerhaften Form von Raserei reagiert, der wird doch im Leben niemals irgendwas auf die Reihe kriegen. Zumal ich, wie gesagt, gar nicht mal glaube, dass dieses Verhalten eine Reaktion auf eine gewisse Problematik darstellt. Dieser anscheinend dauerhafte innere Drang danach, etwas kaputtzumachen – ob nun wortwörtlich oder im Übertragenen Sinne – zeugt ganz einfach nur von einer ungemeinen Verkümmerung des Charakters.
- H.
