Als aufmerksamer und auch neugieriger Mensch fiel mir in den vergangenen Jahren auf, dass man, wenn man mit der Bahn fährt, unbeabsichtigt enorm vielen Jugendlichen dabei zuhört, wie sie telefonieren. Die kuschelige Atmosphäre eines Zugabteils scheint sich förderlich auf das Kommunikationsverhalten dieser jungen Menschen auszuwirken und Telefonanrufe von Freunden schier magisch anzuziehen.
Nachdem mir dies bewusst wurde, fuhr ich zwei Wochen lang, an insgesamt siebzehn Tagen, für jeweils 24,8 Stunden, sinnlos durch das Land (einmal auch durch die Luft). Mein Forschergeist war geweckt! In der Hoffnung, weitere Erkenntnisse zu erlangen, lauschte ich aufmerksam jedem Gespräch, das sich vor meinen Augen (respektive Ohren) abspielte.
Ich gelang zu dem Schluss, dass im Durchschnitt 9 von 10 Handygesprächen, die ich im Sinne der professionellen Verhaltensforschung mitgehört habe, einem genauen Schema folgen. Subjekt jedes dieser Gespräche war stets ein männlicher Jugendlicher im Alter von 16 – 20 Jahren, der im Zug von seinen Freunden telefonisch kontaktiert wurde.
Hier nun der einseitige, typische Ablauf eines solchen “Gespräches”:
< Handy klingelt – Der Klingelton: Ohrenzermürbende Disco-Styla-Scheiße >
< Besitzer des Telefons nimmt ab und ”spricht”: >
“Ja?”
< Wartet Antwort ab>
“Wööääh, was geht, wo bist du?”
< Wartet Antwort ab>
“Laber nich’.”
< Wartet Antwort ab>
“Ja, komm isch auch gleisch hin.”
< Wartet Antwort ab>
“In Zug.”
< Wartet Antwort ab>
“Gestern Abend war geil, ne?”
< usw. >
Das ist in etwa die Quintessenz eines jeden Telefongespräches zwischen derartigen Menschen. Hier und da gibt es natürlich gewisse Abweichungen (ganz abhängig davon, ob man sich nun im Zug oder in der Stadt oder sonstwo befindet).
Bemerkenswert ist in jedem Fall die Tatsache, dass dem gesamten Telefonat wirklich immer die Frage “Wo bist du?” (etwa wohbüstu gesprochen) vorangeht. Die grobe Lokalisierung des Gesprächspartners scheint von fundamentaler Bedeutung für den Verlauf der Unterhaltung zu sein.
Die ebenfalls überaus häufig genutzte Aussage “Laber nich’!” ist eine sehr löbliche, ja fast schon respektable Aufforderung. Lässt sie doch auf die Intention schließen, sich bei dem Gespräch auf das Wesentliche zu beschränken. Von vornherein wird das telefonische Gegenüber dazu aufgefordert, unnötige Nebensächlichkeiten gänzlich aus der Konversation zu streichen, eben “nicht zu labern”, sondern kurz und prägnant die signifikanten Informationen zu nennen und somit unmissverständlich den eigentlichen Grund des Anrufes zu offenbaren. Dies zeugt von einer zielstrebigen, lösungsorientierten Persönlichkeit.
Mit dezent, aber dennoch gezielt gestreuten Bezugnahmen auf gemeinsam erlebte Ereignisse wird außerdem auf subtiler Ebene die Freundschaft immer wieder verdeutlicht, gefestigt und auch gestärkt. Das erklärt die häufigen Fragen in Richtung “Gestern abend war geil, ne?” – liebevoll wird sich nach dem Wohlergehen und Vergnügen des Freundes erkundigt, während man ihm im gleichen Atemzug in Erinnerung ruft, als Gruppe etwas unternommen zu haben. Ergebnis: Das “Wir-Gefühl” steigt.
Wir sehen also anhand dieser drei Musterbeispiele, dass es sich bei dem heutigen Slang, den Jugendliche (besonders am Telefon in immer wiederkehrenden Reihenfolgen) nutzen, keineswegs um Begleiterscheinungen einer zerfallenden, verdummenden, verzweifelten und perspektivlosen Jugendkultur handelt, die kaum noch die eigene Sprache beherrscht.
Vielmehr manifestiert sich die Einsicht, dass es sich bei derartigen Sprachentwicklungen um clever kodierte, wohl durchdachte linguale Gebilde handelt, die für Außenstehende aufgrund ihrer enormen Komplexität nur schwer zugänglich sind. Im Grunde zeugt diese Entwicklung lediglich von Kreativität, Individualität, Intelligenz und einem übermäßigen Sprachinteresse. Vermutlich ist jedes einzelne dieser Genies uns Normalbürgern, die wir beschämenderweise noch Nutzer der alten Sprachversion sind, um Galaxien voraus. Nicht.
Weißt du, was ich meine? (etwa woißtischmein? gesprochen)
- H.

